Ethik von Anfang an

Ethik von Anfang an: Was der erste ELSA-Workshop von SelfDiag gezeigt hat

Im Sommer 2026 fand im Rahmen des SelfDiag-Projekts der erste ELSA-Workshop statt. ELSA steht für Ethical, Legal & Social Aspects — ethische, rechtliche und soziale Aspekte — und ist ein Ansatz, der seit den 1990er Jahren in der Technologieforschung verankert ist. Die Grundidee: Ethische Fragen gehören in den Entwicklungsprozess, nicht ans Ende davon.

Für SelfDiag ist das kein formales Pflichtprogramm, sondern eine inhaltliche Grundentscheidung. Ein Projekt, das untersucht, wie Patient:innen diagnostische Routineuntersuchungen eigenständig durchführen können, berührt Fragen, die weit über technische Machbarkeit hinausgehen. Der Workshop war ein erster Versuch, diese Fragen gemeinsam zu stellen — bevor Antworten feststehen.

Warum Technologie nicht neutral ist

Ausgangspunkt des Workshops war eine Annahme, die in der Forschung zu Human-Computer Interaction gut belegt ist: Technologie verändert, wie wir Situationen wahrnehmen, was wir als wichtig erleben und wofür wir uns verantwortlich fühlen. Sie beeinflusst, wer Unterstützung bekommt und wer ausgeschlossen wird. Sie trägt Werte in sich — ob das beabsichtigt ist oder nicht.

Für SelfDiag bedeutet das: Wenn ein KI-Assistent eine Person durch eine EKG-Untersuchung begleitet, entscheidet das Design darüber, ob sie sich sicher oder überfordert fühlt, ob sie das Geschehen versteht oder einfach Anweisungen folgt, ob sie nach dem Abschluss ein Gefühl von Kompetenz oder Unsicherheit trägt. Das sind keine Nebenfragen — sie sind der Kern dessen, was verantwortungsvolle Gestaltung ausmacht.

Deswegen war die leitende Frage des Workshops nicht: Funktioniert das? Sondern: Unter welchen Bedingungen kann patientengeführte Routinediagnostik im DFGZ verantwortungsvoll gestaltet werden?

Mehrere Perspektiven, eine Diskussion

Was den Workshop methodisch auszeichnet: Die Perspektiven von Menschen mit unterschiedlichen Rollen wurden bewusst gleichwertig behandelt. Medizinisches Fachpersonal brachte Erfahrungen aus dem Versorgungsalltag ein. Forschende und Entwickler:innen die technische und wissenschaftliche Sicht. Und Teilnehmende, die selbst Patient:innen im DFGZ sind, brachten das ein, was keine andere Gruppe einbringen kann: Expertise über das eigene Erleben.

Dabei zeigte sich schnell, dass die Bandbreite der Perspektiven produktiv ist — nicht trotz, sondern wegen ihrer Unterschiede. Wo die einen technische Lösungsräume sahen, machten andere auf emotionale Dynamiken aufmerksam. Wo Sicherheitsbedenken geäußert wurden, tauchten gleichzeitig Aspekte auf, die für Selbstwirksamkeit und Autonomie sprechen.

Was im Workshop sichtbar wurde

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Einige Themen haben sich als besonders relevant herauskristallisiert.

Das Erleben von Selbstwirksamkeit — das Gefühl, eine Untersuchung eigenständig und korrekt durchgeführt zu haben — wurde als potenziell positiver Effekt benannt. Ebenso zeitliche Flexibilität und ein stärkeres Bewusstsein für die eigene Gesundheit.

Gleichzeitig wurden Fragen gestellt, die keine einfachen Antworten haben: Was passiert, wenn etwas nicht klappt? Wie wird Fehlerbehebung gestaltet, ohne dass daraus Scham oder Verunsicherung entsteht? Wie kommuniziert ein KI-Assistent so, dass er verständlich ist — für Menschen mit sehr unterschiedlichen Vorerfahrungen und Erwartungen?

Auch der Moment nach der Untersuchung wurde diskutiert: Wann und wie erfahren Patient:innen, ob alles in Ordnung ist? Und wie wird der Übergang von der eigenständig durchgeführten Untersuchung zur ärztlichen Verantwortung gestaltet — so, dass er klar, nicht beunruhigend und menschlich bleibt?

Ethik als Gestaltungsaufgabe

Was der Workshop vor allem deutlich gemacht hat: Ethische Fragen lassen sich nicht von Designentscheidungen trennen. Jede Formulierung im Interface, jede Abfolge von Schritten, jeder Moment des Feedbacks oder Schweigens trägt zur Erfahrung bei — und damit zu dem, was SelfDiag für die Menschen bedeutet, die es benutzen.

Der Workshop war ein Anfang. Weitere Workshops sind geplant, die den Entwicklungsprozess begleiten werden. Die Erkenntnisse aus diesem ersten Treffen fließen direkt in die Konzeptarbeit der nächsten Projektphase ein.